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Der akute Schlaganfall - immer ein Notfall

Dr. med. Guido Scherer
ärztlicher Leiter Rettungsdienst, Ltd. Hubschrauberarzt
Klinik für Anästhesiologie, Joh.-Gutenberg-Uni, Mainz
Langenbeckstr. 1
55101 Mainz
Tel.: 0162 / 25 252 54
E-Mail: Doc.scherer@email.de

Schwerpunkte:


   
ärztlicher Direktor des Krankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie Schloss Werneck
Prof. Dr. med. Hans-Peter Volz
Balthasar-Neumann-Platz 1
97440 Werneck
Tel.: 0 97 22 / 21 12 83

Dr. med Michael Rosenkranz
Oberarzt der Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistrasse 52
20246 Hamburg
Tel.: 040 / 428 03 37 70
Fax: 040 / 428 03 88 71
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PROTOKOLL

Der akute Schlaganfall - immer ein Notfall

Paula_Mohns : Wie soll denn nun ein gut eingestellter Blutdruck aussehen? Stimmt es, dass darüber die Meinungen auseinander gehen.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Heutzutage wird in jeder Altersgruppe ein Zielblutdruck von 120 bis 125 mmHg systolisch empfohlen, um das Risiko für vaskuläre Ereignisse wie Schlaganfall oder Herzinfarkt zu vermindern. Besonders bei jüngeren Menschen wird die Bedeutung eines zu hohen Blutdrucks häufig unterschätzt. Aus diesem Grunde ist es unbedingt empfehlenswert, schon im jungen Erwachsenenalter regelmäßig den Blutdruck zu kontrollieren. Die früher landläufige Meinung, dass bei älteren Patienten ein höherer Blutdruck toleriert werden kann, ist heute überholt.

anonym : Was sind ernst zu nehmende Warnsymptome für einen Schlaganfall?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Die Symptome oder Warnsymptome für einen Schlaganfall treten in aller Regel sehr plötzlich auf. Diese Symptome sind z. B. Bewusstseinstrübungen oder -störungen, Sprachstörungen, Lähmungen, insbesondere halbseitige Lähmungen ebenso Sehstörungen aber auch unspezifische Störungen, wie z. B. Schwindel, Übelkeit und Erbrechen. Des Weiteren tritt eine undeutliche Sprache auf. Wenn diese Symptome auch nur kurzfristig auftreten und dann eine Besserung eintritt, sollten Sie trotzdem unbedingt den Rettungsdienst alarmieren.

SOS : Welche Notfallnummer soll man wählen 112 oder 110?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Europaweit angestrebt wird als einheitliche Notrufnummer die 112. Leider ist sie noch nicht in allen Bereichen der Bundesrepublik definitiv umgesetzt. In manchen Bereichen gilt die alternative Rufnummer 19222. Allerdings würde auch bei der Wahl der Nummer 112 eine Weiterleitung zu der Rettungsleitstelle erfolgen, so dass im Zweifel diese Rufnummer gewählt werden sollte. Bei Wahl der 110, die die Notrufnummer für polizeiliche Hilfesuchende ist, würde es möglicherweise zu einer verzögerten Hilfe kommen.

Sabine Heuthe : Ist es richtig, dass man nach einem Schlaganfall keine genaue Diagnose stellen kann? Meine Schwester(49) hat im Juli diesen Jahres einen schweren Schlaganfall erlitten. Die Schädeldecke wurde entfernt. Was wir wissen ist, dass sie an Aphasie, Neglect und einer Hemiparese leidet. Diese Begriffe sind uns klar nur, wie es zukünftig aussehen könnte, kann man das nicht sagen? Der Lebensgefährte meiner Schwester hat die Betreuung übernommen, kann uns leider seit Wochen nur die gleiche Antwort geben. Die Ärzte können nichts Konkretes sagen. Das kann ich fast gar nicht glauben. Man muss doch sagen können, wie ungefähr die Marschroute sein wird. Ob das Kurzzeit oder Langzeitgedächtnis betroffen ist oder nicht. Ob Sprache richtig verarbeitet werden kann vom Patienten. Steht mir als Schwester auch ein Auskunftsrecht zu? Ich möchte so gerne mehr Informationen und würde gerne mit dem behandelnden Arzt sprechen, doch der Lebensgefährte meiner Schwester möchte das nicht. Viele Fragen!!! Ich hoffe man kann mir einige beantworten. Vielen Dank für Ihre Mühe. Eine Verzweifelte Angehörige

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Ihre Schwester hat offensichtlich einen sehr schweren Schlaganfall erlitten. Dies ist besonders bei jüngeren Patienten häufig zu beobachten. Nach Ihren Schilderungen war der Schlaganfall so schwer und groß, dass aufgrund eines erhöhten Drucks im Schädelinneren ein Teil der Schädeldecke entfernt werden musste. Dies ist eine in der modernen Schlaganfallmedizin übliche und moderne Form der Behandlung, um den durch den Schlaganfall erfolgten Gewebeschaden möglichst klein zu halten und das Leben der betroffenen Patienten zu retten. Die durch den Schlaganfall verursachten Symptome Halbseitenlähmung, Sprachstörung und Neglect weisen auf einen Schlaganfall der Großhirnrinde hin. Die von Ihnen verständlicherweise gewünschte Aussage bezüglich der Prognose und der weiteren Marschroute kann auf der Grundlage Ihrer Angaben nicht sicher beantwortet werden. Die Prognose der Sprachstörung ist davon abhängig, ob bei Ihrer Schwester das komplette Sprachzentrum vom Schlaganfall betroffen ist, oder ob Teile des Sprachzentrums erhalten geblieben sind. Das Gleiche gilt für die Prognose der Halbseitenlähmung und des Neglects. Ungewöhnlich ist, dass bei Ihrer Schwester offensichtlich gleichzeitig eine Sprachstörung und ein Neglect bestehen. In aller Regel findet man einen Neglect bei einer Schädigung der rechten Großhirnhälfte, während eine Aphasie in der ganz überwiegenden Mehrzahl der Fälle bei Schädigungen der linken Großhirnhälfte auftreten. Das Recht auf Auskünfte bezüglich des Gesundheitszustandes und der Prognose steht grundsätzlich nur dem Patienten selbst und seinem gesetzlichen Betreuer zu. Als Schwester haben Sie leider kein gesetzliches Anrecht auf eine Information durch die behandelnden Ärzte. Ungeachtet meiner vorangehenden Worte wünsche ich Ihrer Schwester gute Besserung vom Schlaganfall!

Friedhelm : Meine Frau ist nach einem Schlaganfall für immer ein Pflegefall. Sie kann nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen, ihre rechte Hand ist komplett gelähmt. Wenn sie gleich richtig behandelt worden wäre mit dieser Lyse-Behandlung hätte man sicherlich viele Funktionen erhalten können. An wen kann ich mich wenden, welche Beweismittel muss ich dafür sammeln? Auf jeden Fall möchte ich alle Leute warnen, sich durchzusetzen, auch wenn es zunächst nicht nach Schlaganfall aussieht!!!!

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Generell ist im Nachhinein nie eindeutig festzustellen, ob durch eine alternative Behandlung weniger negative Folgen aufgetreten wären. Prinzipiell ist aber dieser Fall sicher ein Anreiz dazu die Bemühungen aller an der Behandlung Beteiligten zu intensivieren, insbesondere den Faktor Zeit bei der Behandlung des akuten Schlaganfalls in den Fokus zu nehmen. Die von Ihnen zitierte Lyse-Behandlung ist in Deutschland zur Behandlung des akuten Schlaganfalls zugelassen, insofern Sie nach spätestens drei Stunden nach Beginn der Schlaganfall-Symptome eingeleitet wird. Nur in sehr ausgewählten Fällen ist eine Lyse-Behandlung auch jenseits von drei Stunden nach Symptombeginn möglich. Darüber hinaus gibt es viele wichtige Gründe, auch Patienten mit einem ganz frischen Schlaganfall nicht einer Lyse-Behandlung zu unterziehen.

anonym : Alle reden von einem Zeitfenster, das nicht größer als 3 Stunden sein soll, nur unser Hausarzt meinte es sei keine Eile. Bei uns in Hamburg lesen und hören wir gerade viel über das Thema. Versteh einer die Ärzte. Was ist denn nun richtig?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Wie Sie sagen, ist das Zeitfenster von überragender Bedeutung bei der Behandlung des Schlaganfalls. Wie in der vorangegangenen Antwort beschrieben, ist das Zeitfenster für die Lyse-Behandlung sehr klein, so dass insbesondere nach dem neuen Auftreten der beschriebenen Symptome sofort und dringend gehandelt werden muss. Lediglich, wenn die Symptome schon länger bestehen, ist die weitere Therapie nicht mehr in diesem Maße zeitdringlich. Gegenwärtig wird in Hamburg eine groß angelegte Aufklärungskampagne unter der Schirmherrschaft des ersten Hamburger Bürgermeisters Ole van Beust mit dem Titel "Hamburg gegen den Schlaganfall" durchgeführt. Im Rahmen dieser Kampagne soll allen beteiligten Personen (Patienten, Angehörige, Ärzte) die unbedingte Dringlichkeit der sofortigen Versorgung von Patienten mit akuten Schlaganfällen vor Augen geführt werden. Als Hamburger können Sie sich hierüber im Internet unter www.hamburg-schlaganfall.de ausführlich informieren. Generell ist dies auch der Grund, warum beim neuen Auftreten der beschriebenen Symptome nicht der Hausarzt aufgesucht werden sollte, sondern direkt der Rettungsdienst alarmiert werden muss.

Jama : Wie genau beseitigt diese Infusionsflüssigkeit eine Verstopfung? Wird das normal fließende Blut nicht zusätzlich mit verdünnt? Ist das nicht schädlich?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Die von Ihnen angesprochene Thrombolyse-Behandlung vermag in vielen Fällen ein Blutgerinnsel in einer verschlossenen Hirnschlagader aufzulösen und dadurch die Gehirndurchblutung wieder herzustellen. Das verabreichte Medikament ist mit natürlich vorkommenden Blutbestandteilen, die jeder Mensch in sich trägt, sehr verwandt. Zum Zeitpunkt der Behandlung und wenige Stunden nach Behandlungsende besteht ein erhöhtes Risiko für Blutungen. Das Risiko der Behandlung ist jedoch wesentlich geringer als der zu erwartende Nutzen für den betroffenen Patienten.

anonym : Was bedeutet eine Diddektion?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Sie meinten bestimmt eine Dissektion. Bei einer solchen Gefäßdissektion handelt es sich um eine Verletzung einer Schlagader, bei der es in die Schlagaderwand einblutet. Dieses so genannte Wandhämatom kann so groß werden, dass die komplette Schlagader hiervon abgedrückt und dadurch verschlossen wird. Kommen solche Gefäßdissektionen an den hirnversorgenden Schlagadern, z. b. den Halsschlagadern vor, so besteht ein hohes Risiko für Schlaganfälle. In vielen Fällen geht einer Dissektion einer Halsschlagader ein mehr oder minder starker Unfall voraus. Allerdings kann man häufig keine sichere Ursache für eine Gefäßdissektion finden. Grundsätzlich ist besonders in den ersten Wochen und Monaten nach Dissektion von einem deutlich erhöhten Schlaganfallrisiko auszugehen. Aus diesem Grunde wird häufig für einen begrenzten Zeitraum eine blutverdünnende Behandlung (Antikoagulation) durchgeführt.

Sunny : Kann ein Schlaganfall durch zu viel Alkohol ausgelöst werden?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Prinzipiell ist zu verneinen, dass ein Schlaganfall durch zu viel Alkohol ausgelöst wird. Sicherlich ist lang anhaltender hoher Alkohol sicher ein Risikofaktor für viele Erkrankungen, u. a. auch Gefäßerkrankungen. Das Auslösen eines Schlaganfalls durch Alkohol wäre nur indirekt vorstellbar durch die alkoholbedingte vermehrte Ausscheidung (erhöhte Viskosität des Blutes) oder auch einen abnorm erniedrigten Blutdruck.

Knörr : Was ist ein Tia?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Unter einer TIA versteht man eine so genannte transitorisch ischämische Attacke. Hierbei handelt es sich um eine vorübergehende Funktionsstörung von Nervenzellen durch eine kurzzeitige Durchblutungsstörung im Gehirn. Eine TIA geht häufig einem schweren Schlaganfall voraus und sollte unbedingt als wichtiges Alarmsignal verstanden werden: Sofort ins Krankenhaus!

Flocker : Ich habe eine phlebologische Untersuchung der wichtigsten großen Gefäße machen lassen (selbst bezahlt!) dazu gehörte auch die Halsschlagader. Alles in Ordnung. Hab ich jetzt Ruhe? Wie lange, wann soll ich das wiederholen?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Grundsätzlich ist es sehr erfreulich, dass Sie sich aus eigener Motivation einer Vorsorgeuntersuchung unterzogen haben. Sehr viele Menschen lassen nicht untersuchen, ob sie ein erhöhtes Risiko für Gefäßerkrankungen in sich tragen. Dies ist umso wichtiger, da bei vielen Menschen bereits im jungen Erwachsenenalter erste Hinweise auf eine sich entwickelnde Artherosklerose gefunden werden können. Aus diesem Grunde ist es unbedingt notwendig, so früh wie möglich die Risikofaktoren für Blutgefäßerkrankungen möglichst früh und konsequent zu bekämpfen. Gegenwärtig scheint bei Ihnen kein Hinweis auf eine bereits bestehende Artherosklerose gefunden worden zu sein. Sie sollten jedoch auch in Zukunft Ihr Risiko überprüfen lassen, um eine sich eventuell in Zukunft entwickelnde Artherosklerose frühzeitig zu erkennen und dann gezielt präventive Maßnahmen einleiten zu können. Die Dauer bis zur nächsten Vorsorgeuntersuchung hängt von Ihrem Alter und von dem Vorhandensein eventueller Risikofaktoren ab. In der Regel ist ein Intervall von zwei bis fünf Jahren ausreichend.

Flocker : Nachfrage: Bin 59 Jahre, treibe Sport, meine Frau kocht gesund. Wann soll ich die Untersuchung wiederholen?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Offensichtlich sind Sie sehr um Ihre Gesundheit bemüht und treiben lobenswerter Weise regelmäßig Sport und ernähren sich offensichtlich ausgewogen. Dadurch haben Sie bereits sehr viel getan, um das Risiko für Blutgefäßerkrankungen zu senken. Bereits in Ihrem Alter findet man jedoch nicht selten eine Artherosklerose, die sich auch binnen relativ kurzer Zeit durch in einer Ultraschalluntersuchung sichtbare Veränderungen der Blutgefäßoberfläche nachweisen lässt. Wenn auch Ihr Blutdruck gut eingestellt ist, Sie Nichtraucher sind, in der Blutverwandtschaft keine schwerwiegenden artherosklerotischen Erkrankungen aufgetreten sind und Sie kein Übergewicht haben, so wäre eine weitere Voruntersuchung in ca. fünf Jahren vollkommen ausreichend. Während dieser Zeit sollten Sie jedoch immer mal wieder den Blutdruck und die Blutfette kontrollieren lassen, denn: Ein hoher Blutdruck und hohe Blutfettwerte tun nicht weh und werden daher häufig übersehen.

Sotogrande : Was sind Risikofaktoren für einen Schlaganfall?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Risikofaktoren für einen Schlaganfall sind der schon angesprochene Bluthochdruck, der nicht ausreichend behandelt wird, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, also Zuckerkrankheit sowie familiäre Belastung. Außerdem sind die weitgehend bekannten Risikofaktoren Übergewicht, Nikotinsucht und Bewegungsmangel zu nennen.

Bima : Was ist besser auf einen Rettungswagen warten oder lieber gleich mit dem nächsten Privatwagen losfahren? Nicht selbst natürlich, aber meine Frau könnte fahren oder andersherum.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Da bei Beginn der Symptome nicht festzustellen ist, um welch eine Form des Schlaganfalls es sich handelt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich der Zustand des Patienten innerhalb kürzester Zeit so verschlechtert, dass vitale Funktionen gestört werden. Aus diesem Grund sollte unbedingt der Rettungsdienst informiert werden und damit auch auf den Rettungswagen gewartet werden. Die in den Rettungsdienstgesetzen festgelegten Fristen betragen maximal 15 Minuten, bis ein Rettungsmittel den Notfallort in aller Regel erreicht. Aus diesem Grund kann über den Rettungsdienst ausreichend schnelle und professionelle Hilfe geleistet werden. Außerdem kann der Rettungsdienst die Übergabe in der Klinik optimal gestalten (Schnittstelle). Dies wäre bei der privaten Anfahrt in eine selbstgewählte Klinik, die möglicherweise für die Behandlung von Schlaganfällen nicht geeignet ist, auch nicht gewährleistet.

anonym : Warum muss diese Flüssigkeitsbehandlung so schnell gemacht werden? Müsste doch theoretisch auch später noch wirken. Genau das lehnt das Krankenhaus ab. Meine Frau sei zu spät eingeliefert worden. Man sagt, das hätte 24 Stunden früher gemacht werden müssen und jetzt würde es nichts mehr bringen. Warum versucht man es nicht wenigsten? Sonst werden doch auch immer wieder Medikamente verschrieben, auf die Eventualität hin, dass sie wirken. Ich bin so wütend.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass Nervenzellen im Gehirn nur sehr kurze Zeit ohne eine ausreichende Durchblutung überleben können. Bei einem bereits mehrere Stunden bestehenden Blutgefäßverschluss ist davon auszugehen, dass alle von diesem Blutgefäß versorgten Nervenzellen bereits zugrunde gegangen sind. Würde man zu diesem Zeitpunkt das verschlossene Blutgefäß wieder eröffnen, so würde die verloren gegangene Hirnfunktionsstörung nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Im Gegenteil: Durch eine Thrombolysebehandlung zu einem solch späten Zeitpunkt müsste mit einem sehr hohen Risiko für eine lebensbedrohliche Blutung in das vom Schlaganfall betroffene Hirngewebe gerechnet werden. Aus diesem Grunde verbietet sich eine Thrombolysebehandlung in solchen Fällen.

anonym : Stimmt es, dass sich beim Schlaganfall irgend so ein Belag in einer Ader löst und wenn sich der verkeilt, wird das Blut aufgehalten? Das ist dann ja wohl ein mechanischer Vorgang. Warum sagt man, dass Stress Schlaganfall auslösen kann? Passt doch nicht zusammen.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Ihre Schilderung entspricht genau dem Mechanismus, der vielen Schlaganfällen zugrundeliegt. Der genaue Ablauf verhält sich wie folgt: Durch über eine lange Zeit einwirkende Risikofaktoren wie z. B. Stress oder ein Bluthochdruck, kommt es zu einer Schädigung der Blutgefäßwand und in deren Folge zu einer Arterienverkalkung (Artherosklerose). Bei einer stark ausgeprägten Artherosklerose können sich in bestimmten Situationen Teile der verkalkten Arterienwand ablösen und mit dem Blut in das Gehirn gespült werden. Dort können diese so genannten Emboli eine kleine Hirnschlagader verstopfen und dadurch die Blutversorgung verhindern. Insofern: Es passt doch alles zusammen! Sie haben Stress als mögliche Schlaganfallursache erwähnt: Stress führt sehr häufig zu einem erhöhten Blutdruck und der vermehrten Ausschüttung so genannter vasoreaktiver Substanzen, die in der Zusammenschau das Risiko für eine Gefäßerkrankung erhöhen.

Funky : Muss man einen Schlaganfall-Patienten auf eine besondere Weise lagern, wenn man auf den Notarzt wartet?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : In den allermeisten Fällen wird es sinnvoll sein, den Patienten mit erhöhtem Oberkörper zu lagern und geradem, nicht geneigtem Kopf. Dies verbessert den Blutabfluss aus dem Gehirn und ist deshalb beim Schlaganfall anzuraten. Einschränkend könnte man sagen, dass bei extrem erniedrigten Blutdrucken diese Lagerung nicht geeignet wäre. Aber das wird nur selten der Fall sein. Wenn es zu einer Lähmung gekommen ist, sollte der z. B. betroffene Arm weich gelagert werden, da der Patient nicht bei Ausfall der Sensibilität mögliche Schädigungen der Haut oder der Weichteile selbst nicht wahrnehmen würde. Bevor diese spezifischen Maßnahmen durchgeführt werden, alarmieren Sie in jedem Falle den Rettungsdienst.

STMaria : Ich merke, dass sich meine Schrift verändert und bin mir nicht sicher, ob es nur Nachlässigkeit ist, weil ich seit Jahren auf der Rechnertastatur schreibe. Wenn ich mir Zeit nehme und mich konzentriere, geht es gut, aber mir fehlt die Geduld und dann sieht es schlecht aus. Sind das Anzeichen?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Wie oben bereits erwähnt, treten die Symptome eines Schlaganfalls stets plötzlich auf. Eine über einen längeren Zeitraum sich langsam entwickelnde Veränderung des Schriftbildes ist sicher kein Hinweis auf einen drohenden Schlaganfall. Es ist durchaus denkbar, dass in der Tat das Schreiben auf der Rechnertastatur und das nur gelegentliche Schreiben mit einem herkömmlichen Stift mit einer Veränderung des Schriftbildes einhergehen. Hierfür spricht u. a., dass Sie bei ausreichender Konzentration in der Lage sind, gut und wie in früheren Jahren zu schreiben.

Burner : Was sind sinnvolle erste Hilfe Maßnahme, wenn man als Angehöriger glaubt, dass eine „Unpässlichkeit“ ein Schlaganfall sein könnte? Hilft Mund-zu-Mund Beatmung?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Es gibt einen in Amerika entwickelten Kurztest, der auch Laien durchaus sicher in die Lage versetzt, einen Schlaganfall zu diagnostizieren. Dabei sind nur folgende Maßnahmen durchzuführen. Der Patient sollte aufgefordert werden zu lächeln, würde das nicht gehen, wäre dies ein Hinweis auf einen Schlaganfall. Das Gleiche könnte vermutet werden, wenn er einen einfachen Satz nicht nachsprechen kann. Außerdem kann man den Patienten auffordern, beide Arme zu erheben und erhoben zu halten, das Herabsinken einer der beiden Arme wäre ebenfalls ein Hinweis auf einen Schlaganfall. Zusätzlich kann der Patient aufgefordert werden, die Zunge gerade herauszustrecken, dabei wäre deren Abweichen zu einer Seite ebenfalls ein Hinweis auf das Vorliegen der genannten Erkrankung. Die von Ihnen angesprochene Mund-zu-Mund-Beatmung ist eine Maßnahme, die nur bei Atemstillstand empfohlen werden kann. Dieser wiederum tritt bei der überwiegenden Zahl aller Fälle nur zusammen mit einem Herz-Kreislauf-Stillstand auf, so dass hier eine Wiederbelebung durchgeführt werden müsste. Die von Ihnen genannte Unpässlichkeit wäre sicherlich nur bei einer bewusstseinsklaren Person zu vermuten, diese wiederum hätte sicherlich auch keinen Herz-Kreislauf-Stillstand.

Peter2 : Wann sollte operiert werden. Habe schon eine Lysebehandlung hinter mir. Verengung der Carotis.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Verengungen der Halsschlagadern, z. B. der Arteria carotis, stellen häufige Ursachen für Schlaganfälle dar. Der Verengung liegt üblicherweise eine Gefäßartherosklerose zugrunde. Verengungen, die über 70 % des ursprüngliches des ursprünglichen Gefäßdurchmessers überschreiten, werden als hochgradige Verengungen bezeichnet und bedürfen im Fall vorausgegangener Schlaganfälle der möglichst frühzeitigen Operation. Allerdings sollte man vermeiden, gering gradige Verengungen unter 50 % zu operieren. Eine weitere Sonder-situation besteht bei hochgradigen Gefäßverengungen, die bisher noch keinen Schlaganfall verursacht haben. Hierbei ist das Schlaganfallrisiko nur gering gradig erhöht, eine unverzügliche Operation ist aus diesem Grunde nicht sinnvoll. Die Entscheidung über Vor- und Nachteile einer Operation einer Halsschlagaderverengung muss jedoch viele individuelle Faktoren berücksichtigen und sollte nicht pauschal gefällt werden.

anonym : Seit Jahren habe ich Phasen, wo mir die Hände kribbeln oder leicht taub sind. Z.B. bei zu viel „Klickerei“ am Computer. Dann lasse ich die Hand herunterhängen, wiederhole das auch ein paar Mal und dann geht das irgendwann von allein weg. Ich weiß nicht, was das auslöst (Halswirbelsäule?) oder warum es wieder weggeht. Es ist lästig, aber bisher war nicht beunruhigt. Das bin ich jetzt aber, seit ich so viel über Schlaganfall gelesen habe, denn bei uns in Hamburg läuft so eine Aktion mit vielen Informationen dazu.

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Bei denen von Ihnen geschilderten Phasen mit "Kribbelmissempfindungen" der Hände handelt es sich sicherlich nicht um die Symptome eines drohenden Schlaganfalls. Es ist geradezu klassisch, dass bei längerer Arbeit an Computertastaturen Taubheitsgefühle in bestimmten Bereich der Hände und Finger auftreten, welche durch einfache Maßnahmen wie "Handausschütteln" sich zurückbilden. In den meisten Fällen liegt dem eine Bedrängung eines Nervs im Bereich des Handgelenkes (Nervus medianus) zugrunde. Gegebenenfalls wäre es sinnvoll, wenn Sie bei einem Neurologen die Nervenleitung in diesem Bereich messen lassen und ggf. sich über Vermeidungsstrategien solcher Symptome informieren lassen. Es ist schön zu hören, dass auch Sie von der Schlaganfall-Kampagne gehört haben und nun sehr gut über die möglichen Symptome eines Schlaganfalls informiert sind. Hierdurch werden Sie im Ernstfall in der Lage sein, einen Schlaganfall sofort zu erkennen und sofort richtig zu handeln: 112 wählen!

anonym : Mein Cousin (48) hat am 12. August einen Schlaganfall erlitten und wurde sofort mit einem blutverdünnenden Mittel behandelt. Dann bekam er eine Hirnblutung und jetzt ist er ein Pflegefall. Wie kann das passieren?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Wie schon vorher erwähnt, bestehen bei der Behandlung in Form der so genannten Lyse bestimmte Risiken. Das Medikament führt zu einer Blutverdünnung, was idealerweise bei einem verschlossenen Blutgefäß im Gehirn zu einer Wiederaufnahme der Versorgung der nachgeschalteten Gehirnzellen führt. Diese Blutverdünnung kann leider in seltenen Fällen allerdings dazu führen, dass es zu der von Ihnen genannten Blutung im Gehirn kommt. Im Vornherein ist es nie sicher zu sagen, bei welchem Patienten konkret es zu dieser fatalen Nebenwirkung kommt. Letztendlich muss nach statistischen Erwägungen und individueller Abwägung aller Faktoren die Behandlung gewählt werden, von der man mit aller Wahrscheinlichkeit annehmen kann, dass sie für den Patienten von größerem Nutzen ist. Außerdem muss gesagt werden, dass es bei Patienten mit ischämischem Hirninfarkt (Minderdurchblutung) zu einer Einblutung in das betroffene Hirnareal in der Folge führen kann, ohne dass es vorher zu einer Therapie mit einem Lyse-Medikament gekommen wäre.

Schlott : Wie gefährlich sind kurzeitige Durchblutungsstörungen? Wie groß muss der Alarm sein, wenn doch dann alles wieder in Ordnung ist? Hat meine Frau schon dreimal gehabt, aber ihr geht es bestens. Müssen wir was unternehmen oder können wir beruhigt sein?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Kurzzeitige Durchblutungsstörungen äußern sich häufig in vorübergehenden neurologischen Ausfallerscheinungen. Grundsätzlich geht man heute davon aus, dass das Risiko für einen bleibenden Schlaganfall bei solchen vorübergehenden Ausfallserscheinungen besonders hoch ist. Das allgemeine Risiko eines endgültigen Schlaganfalls beträgt nach einer ersten so genannten transienten ischämischen Attacke von 12 % in der ersten Woche auf 20 % nach drei Monaten. Aufgrund dieser dramatischen Zahlen müssen vor allem wiederholte Attacken als absolutes Warnsignal verstanden werden. Aus diesem Grunde sollte Ihre Frau, die ja schon drei Mal solche Attacken hatte, unbedingt sehr sorgfältig nach einem Risiko für Schlaganfälle schauen lassen.

anonym : Wie ist das mit dem Alter, ob jünger ob älter, ist das entscheidend? Gilt auch hier, dass Alter grundsätzlich eine Gefährdung darstellt?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Aufgrund der schon vorher genannten Risikofaktoren ist eindeutig, dass das Risiko eines Schlaganfalles mit zunehmendem Alter steigt, da die genannten negativen Faktoren über längere Zeit einwirken konnten. Umgekehrt kann man aber sagen, dass Schlaganfälle im jüngeren Alter häufig schwerwiegender sind. Der Schlaganfall ist nicht eine Erkrankung speziell alter Menschen, sondern kann in jedem Lebensalter auftreten.

Zeis : Das ist ja alles schön und gut, aber funktioniert denn überall diese Notfallkette, die erforderlich ist, damit alles im Sinne des Patienten klappt? Das klappt ja nur, wenn alle Beteiligten wirklich 100 % richtig handeln, aber wo Menschen sind, entstehen Fehler. Kann ich mich als Patient denn darauf verlassen?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Der Rettungsdienst ist in Deutschland Ländersache und deswegen in verschiedenen Teilen des Landes unterschiedlich strukturiert. In der Tat ist es so, dass die optimale Behandlung eines Patienten nur funktioniert, wenn alle Glieder der so genannten Rettungskette ineinander greifen. An der ersten Stelle steht der Patient bzw. dessen Angehöriger, der die Symptome rechtzeitig deutet und den Rettungsdienst alarmiert. Für die weitere Versorgung des Patienten sind in vielen Rettungsdienstbereichen Behandlungspfade von den ärztlichen Leitern festgelegt worden, denen Absprachen mit speziellen Behandlungseinrichtungen in Kliniken (Stroke Units) zugrundeliegen. Es ist davon auszugehen, dass hier eine optimale Zusammenarbeit stattfindet. Zumindest aber stattfinden sollte.

Casta : Kann man immer von Schlaganfall ausgehen bei Orientierungslosigkeit und Sprachverlust?

DR. ROSENKRANZ / DR. SCHERER : Für den medizinischen Laien ist es sehr schwer zu unterscheiden, ob eine Sprachstörung oder eine Orientierungslosigkeit auf einen Schlaganfall zurückzuführen ist. Solche Symptome können bei sehr unterschiedlichen Erkrankungen auftreten und sind nicht beweisend für einen Schlaganfall. Das plötzliche Auftreten spricht jedoch für einen Schlaganfall als Symptomursache und sollte dazu veranlassen, bis zum Beweis des Gegenteils einen Schlaganfall zu vermuten und die Rettungskette zu alarmieren. Es ist immer besser, den Rettungsdienst einmal zu viel zu alarmieren als einen möglichen Schlaganfall nicht als solchen ernst zu nehmen und auf spontane Verbesserung der Symptome zu warten. Im Übrigen führt eine Alarmierung des Rettungsdienstes in solchen Fällen zu keinerlei Kosten für den Patienten oder Angehörigen, egal ob sich die Diagnose Schlaganfall bestätigt oder nicht.

DR. ROSENKRANZ / DR.: Wir bedanken uns sehr für das große Interesse, dass alle Teilnehmer gezeigt haben und hoffen, dass sich dies in einer entsprechenden Sensibilität für die genannten Warnhinweise für einen Schlaganfall äußert. Denn an der ersten Stelle einer erfolgreichen Behandlungskette steht eben der Patient bzw. der Angehörige, der im angesprochenen Fall schnell zum Telefon greifen muss. Wenn Sie mehr über Zahlen, Fakten und Symptome des Schlaganfalls wissen möchten, können Sie auf der Internetseite der Kampagne "Hamburg gegen den Schlaganfall" hierzu umfangreiche Informationen und Hinweise auf Informationsveranstaltungen finden (www.hamburg-schlaganfall.de).

Ende der Sprechstunde.